Br. Leo berichtet aus seinem Leben:

Jugend

geboren wurde ich am 19. Mai 1924 in Balterswil, Kt. Thurgau, als siebtes von acht Kindern von Wilhelm & Elisabeth Schwager-Bauer. Der Vater arbeitete in der St.Galler Stickerei, welche in den 30er Jahren in eine schwere Krise geriet und die Familie in teilweise Notlage brachte. Ein schwerer Schlag war für uns alle der frühe Tod unserer Mutter im Jahre 1934, dem Jahr meiner Erstkommunion. Die Schule besuchte ich in Balterswil. Nach der sechsten Primarklasse wechselte in das Missionsgymnasium in Werthenstein. Schon im ersten Schuljahr hatte ich dort einen schweren Unfall mit dem Fahrrad, was nachträglich gesundheitliche Störungen hinterliess. Immer wieder trat eine Bewusstlosigkeit ein und machte darum das Studium unmöglich. So machte ich den Schulabschluss in Balterswil. Die Gesundheit hatte sich wieder stabilisiert.

Nach Schulschluss machte ich auf Anraten des Arztes eine landwirtschaftliche Lehre mit Abschluss in der landwirtschaftlichen Schule in Flawil /SG. Nach der Lehre arbeitete ich in verschiedenen landwirtschaftlichen Betrieben als Melker und Landarbeiter, was im Zweiten Weltkrieg nicht immer eine leichte Aufgabe war. Dem letzten Betrieb war auch eine Ferienpension angeschlossen. Nach einem kleineren Unfall entschloss ich mich, im gleichen Betrieb eine Ausbildung als Koch anzutreten. 1945 machte ich während 18 Wochen die Rekrutenschule in Frauenfeld. In dieser militärischen Ausbildung ereignete sich ein Unfall, bei dem ich von einem Pferd geschlagen wurde. Mit Hirnerschütterung und Kieferbruch wurde ich bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert. Anschliessend an diesen Unfall bekam ich noch die Diphtherie.

Missionsbenediktiner in Fribourg

Br. Leo Schwager

Schon als Schüler hatte ich den Wunsch einmal Missionar zu werden. Nach der Rekrutenschule versuchte ich diesen Wunsch zu realisieren und trat bei den Benediktiner-Missionaren in Fribourg in das Noviziat ein. Meine Arbeit im Kloster fand ich in der Küche, was mir recht gut gefiel. Leider musste ich aber nach dem Unfall und der nachfolgenden Krankheit feststellen, dass meine Gesundheit nicht ganz in Ordnung war. Verschiedentlich suchte ich deswegen den Arzt auf, der aber nichts weiter feststellen konnte. Ende 1946, Anfang 1947 stellte sich eines Morgens eine Doppelsichtigkeit ein. Ich suchte den Augenarzt auf, der mich behandelte. Nach ein paar Tagen war wieder alles gut. Nach einigen Wochen jedoch wiederholte sich das Gleiche. In diesem Jahr traten auch Sprachstörungen auf. Es war mir, wie wenn mir jemand mit einem Löffel auf die Zunge drücken würde. Meine Mitbrüder verstanden mich sehr schlecht beim Sprechen. Auch diese Störungen kamen und vergingen wieder. Der Arzt konnte mir nicht helfen. Alle diese Symptome führte man auf den Unfall und die nachfolgende Diphtherie zurück. Am 8. Dezember 1947 legte ich die einfachen Gelübde für drei Jahre ab. Kurz darauf wurde ich plötzlich linksseitig ganz gelähmt, was mir jegliche Arbeit unmöglich machte. Langsam erholte ich mich aber wieder einigermassen, doch die Störungen wiederholten sich öfters und intensiver. Untersuchungen im Kantonsspital in Fribourg brachten keine Ergebnisse. Am 8. Dezember 1950 waren meine zeitlichen Gelübde abgelaufen, und ich stand vor der Entscheidung, mich für immer an den Orden zu binden. Es war für mich eine ganz schwere Entscheidung. Denn einerseits sah ich, dass ich ein kranker Mann war, dem Kloster mehr eine Last als eine Hilfe, zum andern hatte ich ja den Wunsch, einmal in die Mission gehen zu können, was in diesem Zustand nicht in Frage kam. Mein Oberer, P. Notker Mannhart, kam mir mit seinem Rat sehr zu Hilfe und ermunterte mich, trotz allem die feierlichen Gelübde abzulegen mit der Bemerkung, ich solle nur auf Gott vertrauen, er werde schon helfen. So legte ich also am 8. Dezember 1950 als kranker Mann die Gelübde ab.

1951 wurde ich dann ins Privatspital der Ingenbohler Schwestern, Theodosianum in Zürich, eingeliefert. Nach vielen und mühsamen Untersuchungen kam der dortige Oberarzt Dr. Ott zur Diagnose "Multiple-Sklerose in fortgeschrittenem Zustand". Der Arzt teilte dies meinem Oberen mit der Anfrage mit, ob er mich zur Erhärtung seiner Diagnose in die neurochirurgische Universitätsklinik in Zürich einweisen dürfe. Diese Erlaubnis wurde ihm selbstverständlich gegeben, denn es war ja auch das Anliegen meines Oberen, endlich zu wissen, was los sei. Nach gründlichen Untersuchungen von Prof. Dr. Kräenbühl wurde dort die Diagnose vom Krankenhaus Theodosianum bestätigt. Als Pflegefall durften mich die Mitbrüder nach Hause nehmen. Der Gesundheitszustand verschlimmerte sich zusehends. Sogar die inneren Organe wurden angegriffen. Wir suchten noch Hilfe durch die Dr. Evers-Diät zu erlangen, was aber auch keine Erleichterung brachte. Meine tägliche Kost bestand in Weizenkeimen, Fruchtsäften, etwas Honig und hie und da einem rohen Ei. Ich wurde zusehends schwächer und verlor immer mehr Gewicht. Es musste ein Dauerkatheder eingelegt werden. Mein Gewicht betrug noch 47 kg bei einer Körpergrösse von 1.75 m. Ich war ganz hilflos, und man musste mich pflegen wie ein Kleinkind. Meistens konnte ich auch kein Wort mehr sprechen. Es war etwas vom Schwersten, wenn man sich nicht mehr mitteilen konnte. Die Mitbrüder haben mich liebvoll umsorgt. Der Arzt aber meinte, dass ich den Sommer kaum mehr erleben werde, wenn die Krankheit in diesem Tempo weitergehe.

Fahrt nach Lourdes

Im März 1952 kam mein Oberer eines Morgens zu mir aufs Zimmer und sagte: «Br. Leo, diese Nacht ist mir etwas eingefallen, ich schicke sie nach Lourdes». Dann eröffnete er mir auch, welche Krankheit ich habe und sagte, mir könne nur noch der liebe Gott helfen auf die Fürbitte der Muttergottes. Bereits war aber die Anmeldefrist für die Wallfahrt der deutschsprachigen Schweiz abgelaufen. Der damalige Pilgerführer Pfr. Büchel meinte aber: "Doch diesen armen Teufel nehmen wir noch mit." So wurde ich am 28.April 1952 in den Pilgerzug der deutschen und rätoromanischen Schweiz eingeladen. Nach fast 24-stündiger Fahrt kamen wir am 29. April gegen Mittag in Lourdes an. Wir Kranke wurden ins Spital N.-D. de Lourdes einquartiert. Damals waren noch Säle mit 50 Betten und ohne Heizung zur Aufnahme der Kranken da. Ich wurde in diesem Saal ins erste Bett gelegt.

Heilung

Kranke während der Sakramentsprozession

Am 30. April, es war damals das Fest des hl. Josef des Arbeiters, hatten wir vormittags den ersten Gottesdienst an der Grotte. Es war dies ein unbeschreibliches Glücksgefühl, mich an dem Ort zu wissen, an dem die Muttergottes der hl. Bernadette 18 mal erschienen ist. Nach der hl. Messe wurde ich ins Bad geführt, was mir aber keine Erleichterung brachte. Nach einem kargen Mittagsmahl wurden wir Kranke abermals in die Grotte gefahren, wo Rosenkranz und Predigt war. Bei der Einfahrt zur Grotte wurde jeder Kranke gefragt, ob er am Vormittag schon gebadet hätte. Da ich aber nicht sprechen konnte, wurde ich einfach zu den Kranken gestellt, die an diesem Tag noch nicht gebadet hatten. So wurde ich kurz vor 4 Uhr nachmittags ein zweites Mal in des Lourdeswasser getaucht. Auch dieses Bad ging vorbei, und ich trug meine Krankheit wieder mit hinaus. Ja, ich hatte grosse Schmerzen und war ganz elend. Immer wollte ich dem Manne, der meinen Wagen stiess, ein Zeichen geben, dass er mich ins Spital zurückbringen möge. Der gute Mann merkte aber nichts und fuhr mich auf den Rosenkranzplatz, wo schon die anderen Kranken auf den Segen warteten. Ich wurde in die vorderste Reihe im letzten Drittel aufgestellt. Ich dachte mir: Nun in Gottes Namen wirst du dies auch noch aushalten. Ich war aber so elend, dass ich bei den Anrufungen nicht mitbeten konnte. Ich lag einfach da. Als der Bischof mit der Monstranz gerade vor mir den Segen erteilte, ging es wie ein elektrischer Schlag von Kopf bis Fuss durch meinen Körper. Mein Gedanke war: «So, jetzt kannst du sterben.» Dann wusste ich nichts mehr, und es wurde mir schwarz vor den Augen. Plötzlich merkte ich, dass ich auf den Knien vor dem Bischof mit dem Allerheiligsten lag. Ich fühlte mich ganz wohl, wie neugeboren und ohne jegliche Schmerzen. Sofort kam Dr. Jeger, Chur, einer unserer Schweizer Pilgerärzte zu mir gelaufen, hielt mich an der Schulter und fragte: «Br. Leo, was ist mit ihnen los?» Ich konnte ihm spontan Antwort geben: «Mir geht es gut, ich bin gesund.» Er kniete sich neben mich. Ich selber aber betete für mich das Gebet: «In Demut bet' ich dich verborgene Gottheit an...» und das Magnifikat. Der Bischof gab den Segen zu Ende, und als er mit der Monstranz in die Rosenkranzkirche ging, stand ich auf, ohne mich zu stützen und ging ohne Hilfe mit dem Arzt ins Spital N.-D. de Lourdes zurück. Dort machten unsere Ärzte sofort einen Untersuchung. Sie standen vor einem Rätsel und schickten mich wieder ins Bett, obwohl ich lieber zum Gebet an die Grotte gegangen wäre.

Nach einer schlaflosen Nacht, die ich zu Gebet und Dank benutze, war ich morgens um 5 Uhr bereits in der Spitalkapelle zur heiligen Messe. Nach der Messe kam Dr. Grüninger, Luzern, Pilgerarzt, und fragte, wie es mir gehe und ob ich gut geschlafen hätte. «Nein, ich habe nicht geschlafen, ich habe gebetet und gedankt, aber jetzt habe ich Hunger und möchte essen.» Der Arzt aber entgegnete: «Sie haben so lange nicht mehr richtig essen können; sie müssen aufpassen, das ist eine natürliche Umstellung des Magens.» Ich aber sagte zu ihm: «Nun habe ich Hunger, und es wird gegessen, die Muttergottes hat nichts Halbes gemacht.» Ich ging in unsere «Schweizerküche» und ass und trank, was ich erwischte: Milchkaffee, Brot, Butter, Käse, Wurst und zwar tüchtig. Es machte mir absolut keine Schwierigkeiten.

Auf 8 Uhr war ich ins Konstatierungsbüro bestellt worden, wo Dr. Leurent den Vorsitz führte. Anwesend war auch Bischof Caminada von Chur, der unseren Pilgerzug leitete. Es waren 18 Ärzte anwesend, die mich von morgens bis mittags befragten. Nachmittags waren noch einige Untersuchungen. Man beglückwünschte mich und sagte, dass man diesen Fall weiter verfolgen möchte. Bei dieser Befragung erfuhr ich dann auch, was eigentlich im Augenblick der Heilung geschehe war, als ich den Schlag verspürte. Kranke nebenan und ein Arzt, der unmittelbar hinter dem Bischof herging, bezeugten, dass es mich mit Wucht aus dem Wagen geworfen habe, direkt auf die Knie. Also bin ich nicht zuerst aufgestanden und dann niedergekniet. Der Bischof soll sehr erschrocken gewesen sein. Von all dem weiss ich selber nichts. Ich solle mich in den nächsten Jahren immer wieder dem Ärztebüro stellen; auch solle ich mich den Ärzten vorstellen, die mich vorher in Zürich behandelt hatten, was ich dann auch tat. Die Gesundheit hielt gut an, ich konnte wieder voll arbeiten und hatte keinerlei Störungen mehr.


Annerkennung der Heilung

Im Pilgerzug

Am 19. April 1959 wurde die Heilung von Internationalen Ärztebüro in Paris als sicher feststehend und als medizinisch unerklärbar anerkannt. Am 18. Dezember 1960 hat Bischof Charrière von Lausanne-Genf-Freiburg in einem Hirtenschreiben diese plötzliche Heilung auch kirchlich als Wunder anerkannt und in allen Kirchen und Kapellen der Diözese zu Ehren der allerseligsten Jungfrau eine Dankandacht verordnet.

Weiterer Lebensweg

Das Pilgerbüro in Lourdes (Br.Leo, H. Mäder, Br. Bernhard)

Seit 1952 habe ich jedes Jahr die Wallfahrt nach Lourdes mitgemacht und mich bei den Kranken als Helfer betätigt. In diesen Jahren wurde ich auch in die Hospitalité aufgenommen. Seit 25 Jahren besorge ich mit einem Mitbruder die Organisation der Interdiözesanen Lourdeswallfahrt Deutsche + Rätoromanische Schweiz mit jährlich 3'000 - 3'500 Pilgern und dies nebst unserer Arbeit in der Klosterverwaltung. Dieses Jahr (1996) durfte ich bei der Jubiläumswallfahrt, unserer 100. Lourdeswallfahrt, mit 3854 Pilgern dabeisein.

Gesundheitliche Störungen hatte ich keine mehr, bis ich 1988 eine 5-fache Bypass-Operation und zwei Jahre später wieder eine Coronar-Dilatation machen lassen musste. Seither muss ich mich etwas schonen. Im Frühjahr 1995 hatte ich eine innere Blutung, weil die Blutverdünnung etwas zu tief war. Im gleichen Jahr musste ich mich einer Diskushernie-Operation unterziehen. Verschlimmert hat sich die Sache, weil ein Splitter in die Nervenbahn geriet, was die Nerven stark strapazierte. Es geht nun aber schon wieder besser. Ich hoffe noch viele Jahre im Dienste unserer Missionsarbeit und der Lourdeswallfahrt wirken zu können, auch wenn ich etwas kürzer treten muss.

Sehr oft schon wurde ich gefragt, was ich denn gebetet habe, dass ich geheilt worden sei und ob ich die Muttergottes gesehen habe, ob ich eine Vision gehabt hätte usw. Ich habe nichts Besonderes gebetet und auch keine ausserordentlichen Geschehnisse erlebt. Ich lebe ein normales Leben mit all den Freuden und Leiden eines Menschen. Es ist so, wie mein Heimatpfarrer nach der Rückkehr aus Lourdes zu mir gesagt hatte: «Schön, dass du gesund bist, aber deswegen hast du noch kein Freibillett in den Himmel.»

Uznach, 11. Juni 1996


Vollendet

Beerdigung 3.5.2004

Soweit der schlichte Bericht von Br. Leo selbst. Wie es sein Wunsch war, hat Gott ihm noch einige Jahre geschenkt, allerdings nicht ohne Leiden. 1997 wurde Krebs festgestellt. Chemotherapie und Bestrahlungen führten zu keiner Heilung. Eine Hüftoperation 2002 verursachte starke Gleichgewichtsstörungen. Durch einen unglücklichen Fall verletzte er einen Nerv in der linken Schulter. Aber tapfer ertrug er die Schmerzen und liess sich von der Arbeit und dem Chorgebet nicht abhalten. Still opferte er seine Leiden Gott auf. Die letzten Wochen konnte er kaum noch das Bett verlassen. Doch wurde er liebevoll und fachmännisch gepflegt.
Am Samstagmorgen, dem 24. April 2004, um 6.10 Uhr wurde er von seinem Leiden erlöst, kurz bevor der erste Pilgerzug der Lourdeswallfahrt jenes Jahres um 6.19 Uhr Ziegelbrücke verliess. Als Br. Leo noch voll bei Bewusstsein war und sprechen konnte, sagte er : «Mein Zug wird noch vor eurem abfahren». Da Abt Marian und weitere Mitbrüder sich auf der Lourdesreise befanden, wurde die Beerdigung auf den Montag, den 3. Mai, verschoben. Nach dem Totenoffizium um 13.45 Uhr feierte Abt Marian mit vielen Konzelebranten das Requiem und hielt eine feinfühlende Abdankung. Nachher wurde der Leichnam auf dem Klosterfriedhof bestattet. Eine grosse Schar von Pilgern und Bekannten nahm am Begräbnis teil. Fast alle Lourdespilgervereine waren mit ihren Fahnen erschienen.
Es braucht nicht weiter gesagt zu werden: Br. Leo war ein grosser Marienverehrer. In grosser Dankbarkeit für die Heilung hat er sich über 50 Jahre trotz vieler Schmerzen unermüdlich für die Lourdeswallfahrt mit Rat und Fachkenntnis eingesetzt. Vielen Kranken konnte er Mut machen und Trost spenden. So werden ihm viele ein treues Andenken bewahren.


Hier können Sie den Lebensbericht von Br. Leo hören. (MP3 Datei, 22 MB)