Jubiläumsjahr 1858-2008
Eine Liebesgeschichte tritt an die Öffentlichkeit
Am 8. Dezember wird das Jubiläumsjahr 2008 in Lourdes eröffnet. Denn am 11. Februar 1858 ist die Muttergottes dem Mädchen Bernadette Soubirous zum ersten Mal erschienen und nachher bis zum 17. Juli noch 17 mal. Bischof Perrier und die anderen Verantwortlichen am Heiligtum wollen deshalb die 18 Erscheinungen im Laufe des Jahres ausführlich vorstellen. Da unsere Wallfahrt jedoch nur eine Woche dauert, soll in sechs Heften des AVE näher auf sie eingegangen werden.
Die Botschaft der ersten drei Erscheinungen von Lourdes
Mit dem Anbruch des 11. Februars 1858 beginnt für Lourdes wie auch für die Familie Soubirous ein Tag, der sich in nichts von den anderen Tagen abhebt. Im „Cachot“, in dem die Familie Soubirous seit einigen Monaten lebt, herrscht jene grosse Armut wie in den Tagen zuvor. Vater François konnte für diesen Donnerstag keine Arbeit finden und ist zuhause. Selbst die Nahrungsmittel sind mehrheitlich aufgebraucht. In dieser Not erhält Bernadette von ihrer Mutter die Erlaubnis, trotz der Kälte mit ihrer Schwester und einer Freundin Holz zu sammeln. Der Erlös daraus soll der Familie Soubirous mindestens einen kleinen Geldbetrag in die Nahrungsmittelkasse geben. Gemeinsam machen sich die drei Mädchen auf den Weg vom Cachot zum Gave. Dort angekommen, überqueren ihre Schwester und die Freundin unmittelbar den Fluss. Bernadette zögert etwas. Als sie dennoch beginnt ihre Strümpfe auszuziehen, hört sie unvermittelt ein Geräusch. Sie blickt auf die Wiese, kann aber nichts sehen. Bernadette wendet sich wieder ihren Strümpfen zu und hört erneut das Geräusch. Jetzt blickt sie zur Grotte und sieht eine weiss gekleidete Dame mit einem blauen Gürtel um die Hüfte und einer gelben Rose auf jedem Fuss. Das Kind glaubt sich zu täuschen, reibt die Augen und blickt wieder auf die Grotte. Doch sie sieht dieselbe Dame. In ihrer Unsicherheit zieht sie den Rosenkranz aus der Tasche und will das Kreuzzeichen machen, aber kann die Hand nicht zur Stirn bewegen. Daraufhin macht die schöne Frau das Kreuzzeichen. Nun versucht Bernadette es nochmals. Mit zitternder Hand gelingt es ihr. Augenblicklich beginnt sie mit dem Rosenkranzgebet. Auch die Erscheinung lässt die Perlen durch ihre Hand gleiten, bewegt jedoch die Lippen nicht. Als Bernadette den Rosenkranz gebetet hat, geht die Erscheinung zu Ende.
Nachdem die Familie Soubirous und einige Einwohner von den Vorkommnissen an der Grotte gehört haben, widerfahren Bernadette die ersten Unverständnisse. Trotzdem verspürt sie einen inneren Drang, wieder zum Erscheinungsort zu gehen. Am Sonntag, 14. Februar, erhalten Bernadette und ihre Schulkameradinnen dafür die Erlaubnis der Eltern. Sie gehen an der Pfarrkirche vorbei und nehmen Weihwasser mit. Kaum an der Grotte angekommen, erscheint die schöne Dame. Sie nähert sich Bernadette und lächelt, währenddem sie mit Weihwasser besprengt wird. Danach fällt Bernadette in eine tiefe Ekstase.
Nur vier Tage später, am 18. Februar 1858 findet die dritte Erscheinung statt. Es ist der erste Donnerstag der Fastenzeit. Bernadette wird von zwei Frauen begleitet. Eine von den beiden bittet Bernadette, sie solle die Erscheinung nach ihrem Namen fragen. An der Grotte angekommen, betet die kleine Gruppe das Rosenkranzgebet. Während dem Gebet erscheint die schöne Dame. Bernadette schreit auf: „Sie kommt! Da ist sie!“ Doch die andern können nichts sehen. Am Ende des Rosenkranzes streckt Bernadette der Erscheinung sichtbar eine Schreibtafel hin und fragt: „Madame, würden SIE bitte die Güte haben, ihren Namen schriftlich festzuhalten?“. Diese lächelt und sagt: „Was ich IHNEN zu sagen habe, brauche ich nicht aufzuschreiben.“ Das waren die ersten Worte der Dame. Weiter sagt sie: „Würden SIE die Güte haben, 14 Tage lang hierher zu kommen?“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Ich verspreche IHNEN nicht, SIE in dieser Welt glücklich zu machen, wohl aber in der anderen.“
... ist die Botschaft der Heiligen Schrift ...
In dieser, vielleicht zu kurzen Zusammenfassung der ersten drei Erscheinungen von Lourdes offenbart sich eine tiefe christliche Botschaft, die sich treu an der Heiligen Schrift der Kirche orientiert. Alles verweist direkt auf Jesus Christus und seine Botschaft von Tod und Auferstehung. Er allein vermag den Menschen zur Freiheit der Kinder Gottes zu führen. Dafür hat er in Lourdes das Mädchen Bernadette auserwählt. Durch Maria erhielt sie, die Stadt Lourdes, ja die ganze Kirche Zeugnis von der Liebe Gottes. Sie macht die kleine Bernadette zu einer Verkünderin des Evangeliums, das sie im wahrsten Sinne des Wortes bis an die Enden der Welt trägt. Dabei beginnt auch in Lourdes alles mit Zeichen und einer konkreten Berufung:
● So wie Gott seinen Sohn arm in die Welt gesandt hat – er ist im Stall zu Bethlehem geboren – so hat er das Kind Bernadette – sie wohnte im „Cachot“ in Lourdes – aus der Armut erwählt.
● So wie sich Gott Abraham im brennenden Dornbusch offenbarte (vgl. Gen 22,1ff), so offenbarte sich Maria Bernadette über dem Rosenbusch im Licht ihres Angesichts.
● So wie Elia am Horeb die Gegenwart des Herrn am sanften, leisen Säuseln erkannte (vgl. 1 Kön 19,12ff), so erkannte Bernadette Maria am Geräusch.
● So wie Mose in die Nische einer Felsspalte gestellt wurde, während die Herrlichkeit Gottes vorüberzog (vgl. Ex 33,22), so offenbarte sich die Herrlichkeit Gottes dem Kind Bernadette in Maria in der Nische der Grotte von Massabielle.
● So wie im Johannesevangelium Jesus sagt, der Wind wehe, wo er will (vgl. Joh 3,8), so weht der Wind des Geistes an der Grotte von Massabielle.
● Und so wie der Heilige Geist am Pfingstfest über die Jünger kam (vgl. Apg 2,1-3), so kommt er über das Kind Bernadette und die Botschaft von Lourdes.
Exakt dieselben Zeichen (und einige darüber hinaus) begegnen uns auch in den Geheimnissen des Rosenkranzgebetes. Wie wir von der ersten Erscheinung wissen, sind diese Zeichen ganz klar in das Kreuz eingebettet. Denn die erste Geste der schönen Dame ist das Kreuzzeichen. Damit verweist sie direkt auf ihren Sohn, der gehorsam war bis zum Tod am Kreuz (vgl. Phil 2,7f). Jesus Christus ist für uns am Kreuz gestorben und am dritten Tage auferstanden. In dieses Geschehen sind auch wir durch die Taufe hineingenommen. Das ist die Botschaft der Liebe, die die Kirche in jeder Eucharistiefeier feiert. Und diese Botschaft ist durch Maria, die mit Johannes am Holz der Hoffnung ausgeharrt hat (vgl. Joh 19,25ff), der kleinen Bernadette ganz besonders anvertraut. In diese wird sie sanft, aber ebenso konsequent eingeführt. Offensichtlich ist das Beten des Rosenkranzes die erste Station. Das Gebet vermag das Kind Bernadette – wie auch uns - tatsächlich immer tiefer und inniger mit Christus zu verbinden. Denn schon in der zweiten Erscheinung wird diese Erwählung weiter ausgedeutet. Bernadette darf in der Ekstase wohl ganz in das Geheimnis Gottes eindringen. Das zeigt die Wahrnehmung der Zeugen, die das Mädchen für tot hielten. Dieses Einführen in ihre Berufung findet für Bernadette in der dritten Erscheinung ihren vorläufigen Höhepunkt. „Ich verspreche Ihnen nicht, Sie in dieser Welt glücklich zu machen, wohl aber in der anderen.“ Diese Worte, die wohl nur jene ganz erfassen können, die in inniger Beziehung mit Jesus Christus stehen, sind die Überschrift für die kommenden Jahre der kleinen Bernadette. Das ist ihre Berufung und darin wird sie treu verharren.
Dass das keine leichte Aufgabe war, wissen wir aus den folgenden Ereignissen. Schon bald setzten die ersten Anfeindungen von Seiten der Kirche, der Bevölkerung und der Familie ein. Diese erträgt Bernadette mit einer unendlichen Geduld. Ihre Berufung hat sich das Kind nicht selbst erwählt. Das Kreuz zu tragen für die Schuldbeladenen der Welt, war allein der Ratschluss Gottes. Doch die Gnade hat das kleine Mädchen befähigt, diesen persönlichen Ruf anzunehmen.
... und der persönliche Ruf zur Nachfolge
Das alles ist Erwählung und Berufung. Aus der Armut erwählt, soll Bernadette eine Zeugin der Liebe sein und diese bis an die Grenzen der Erde verkünden. Dazu sind auch wir auserwählt. In Lourdes tat Gott das durch Maria im Säuseln, im Kreuz, in Armut, im Verborgenen etc. Zudem tat sie es edel: „Würden SIE ..., Ich verspreche IHNEN nicht ...“ Damit greift Maria jenes „Aquero - SIE“ auf, das Bernadette zur ihr gesprochen hat. Vielleicht gipfelt darin die zentrale Botschaft der ersten drei Erscheinungen für unsere Zeit: Unsere Berufung zum Christsein! Bernadette hat die Liebe Gottes durch Maria in ihre Seele eingelassen. Sie war offen für die Botschaft, für die höfliche Einladung, während den nächsten 14 Tagen täglich zur Grotte zu kommen. Man kann ihr kindliche Naivität und mangelnder Vernunftgebrauch unterstellen. Aber gerade Lourdes zeigt, dass sich unser Leben nicht nur auf Weisheiten im weltlichen Sinn und Vernunft aufbauen lässt. Da wo echte Gottesbegegnung stattfindet, begegnen sich immer Glaube und Vernunft. Denn Maria hat in den ersten drei Erscheinungen der kleinen Bernadette durchaus Taten und Worte der Vernunft offenbart, aber darin eingebetet war immer die Liebe Gottes, die unser Vermögen übersteigt. Eben jene Liebe, die Christus bis zum Tod am Kreuz für uns bezeugt hat.
Damit ist in den ersten drei Erscheinungen von Lourdes das Fundament einer Liebesgeschichte gelegt, die bis heute fortdauert – die Liebesgeschichte von Jesus Christus und seiner Mutter Maria mit den PilgerInnen von Lourdes.
Br. Emmanuel Rutz