Die Hoffnung der Grotte: „Fliessendes Wasser aus hartem Fels“
Lourdes weckt Bilder und Assoziationen, selbst bei jenen, die noch nie dort waren: Grotte, Heilwasser, Wunderheilungen wären vielleicht so erste Stichworte! Wer den Namen der kleinen Seherin, Bernadette, welcher im Jahr 1858 Maria 18 Mal erschienen ist, kennt, zählt bereits zu den besser informierten Insidern! Fragte man dann noch weiter nach Inhalt und weiteren Details zu den Botschaften, käme gar mancher Lourdespilger ins Stottern.
Wir stossen damit bereits an das „Geheimnis von Lourdes“. Dieses besteht nicht in erschreckenden oder wundersamen Enthüllungen über Gegenwart und Zukunft der Menschheit. Das Mädchen Bernadette erzählte als erstes nicht von Botschaften Maria’s an sie oder die Welt, vielmehr von ihren Eindrücken von dieser „schönen Dame“, welche sie bei der Grotte aufsuchte und ihr zulächelte. Gemäss den späteren Protokollen kam es bei den ersten beiden Erscheinungen zu vollkommen wortlosen Begegnungen zwischen dem 14 jährigen Mädchen einer mausarmen Müllersfamilie und jener „schönen Dame“, die sich ihr einfach gezeigt hat, ohne ein Wort zu sagen: jung, weiss gekleidet, strahlend und von Licht umflutet, mit einem bezaubernden Lächeln. Hingerissen von diesem himmlischen Bild wird Bernadette später aussagen: „Wie froh war ich, als ich sie anschauen durfte. Ich schaute sie an, so viel ich nur konnte“.
Am Beginn der Erscheinungen stehen nicht irgendwelche Anweisungen, sondern ein stilles Schauen und das unausgesprochene Angebot eines Gegenübers, das zum Beten einlädt. Kein Wunder, ist Lourdes zur Hauptstadt der Kranken geworden. „Orte, nicht noch mehr Worte, braucht unsere Welt“, hat mal jemand gesagt. Für viele ist die Erscheinungsgrotte ein solcher Ort, der eine himmlische Präsenz verspricht; eine die felsengleich dasteht und deshalb alles an menschlichen Fragen und Aengsten aushält….. und ebenso felsenfest den Boden für die Hoffnung bietet, nicht verlassen zu sein in grösster Verlassenheit. Irgendwie lebt das Beten vor der Grotte vom Vertrauen, dass in diesem sichtbaren Auffangbecken göttlichen Erbarmens keine Bitte verloren geht.
Gleichzeitig beherbergt die Grotte ja seit den Erscheinungen im Jahr 1858 eine Quelle, die unaufhörlich sprudelt. Links von der Grotte kann davon getrunken oder für zu Hause etwas abgefüllt werden, rechts kann darin sogar gebadet werden. So wird die Erscheinungsgrotte einerseits zum Auffangbecken, zur grossen Deponie namenlosen Leids und vielfältiger Lasten. Zugleich ist sie mit der Quelle ein sprudelnder Ausgangspunkt von Hoffnung und neuen Lebens. Denn im fliessenden Wasser aus dem harten Felsen vermag manch ein Pilger ein berührendes Hoffnungsbild sehen: dass es den eigenen Verhärtungen gleich ergeht, dass erstarrtes Leben neu ersteht, dass selbst ein versteinertes Herz wieder zu pulsieren beginnt…. Wie schon der Profet Jesaja zu verkünden wusste: „Gott ist meine Rettung; ihm will ich vertrauen und niemals verzagen. Denn meine Stärke und mein Lied ist der Herr. Er ist für mich zum Retter geworden. Ihr werdet Wasser schöpfen voll Freude aus den Quellen des Heils.“ (Jes 12,2f)

Pfr. Stefan Staubli