Die Botschaft der Grotte: „Kommt und kehrt um!“
Viele Lourdespilger zieht es immer wieder hierher. Trotzdem käme es (fast) keinem in den Sinn, sich hier niederzulassen und zu bleiben. Wie an vielen anderen Wallfahrtsorten bietet sich auch hier das gleiche Erscheinungsbild; es ist ein unaufhörliches An- und Abreisen am Bahnhof, ein stetes Kommen und Gehen an der Grotte, vom frühen Morgen bis spät in die Nacht. Lourdes ist kein Ort zum Bleiben – und dies in einem ganz existenziellen Sinn!
Wer sich auf eine Pilgerreise begibt, hat Erwartungen und Hoffnungen, sehnt sich nach einem Mehr an Leben. Es soll nicht alles gleich bleiben; weder die unerträglichen Schmerzen, noch eigene Fragen und Unklarheiten, noch das himmelschreiende Elend in der Welt. Pilger brechen auf und verlassen ihr zu Hause und nur schon dies atmet die Hoffnung auf Veränderung und eine Rückkehr, die etwas vom Erlebten ahnen lässt.
Wahrer Fortschritt stellt sich nirgends einfach so ein. Es hat mit Schritten zu tun, aus dem Gewohnten, aus dem Bisherigen fort…. In Lourdes kann schon der Anblick so vieler kranker, behinderter und gebrechlicher Menschen dahingehend wirken und einiges auslösen. Auf jeden Fall mag so manchen Pilger die Einsicht beschleichen, dass die Bandbreite menschlicher Existenz nicht bei den Leistungsfähigen und Schönen aufhört und dass tiefempfundener Lebenssinn und ansteckende Lebensfreude kein Privileg der Gesunden zu sein scheint! Allein dies und vieles mehr kann bei einem Lourdesbesuch aufbrechen und trifft sich mit einer der zentralen Botschaften von der Erscheinungsgrotte her: „Kommt (in Prozessionen) und tut Busse“, d.h. „kehrt um!“
„Kommt und kehrt um!“ Vielleicht kann gerade eine Grotte wie die in Lourdes diese doppelte Botschaft einsichtig machen. Zunächst bietet sie ja Schutz und Zuflucht und ist gleichsam eine verkörperte Einladung, zu kommen. Wer aber schon einmal an der Grotte stand oder gar durch sie ging, kann die weitere Aufforderung ebenso gut verstehen: „Kehrt um!“ Ja, das Dunkel der Grotte weckt den Wunsch nach Licht. Demgemäss und folgerichtig ist die Grotte kein stiller Gebets- oder Betrachtungsort, vielmehr ein bewegter Gottesdienstplatz, auf dem gesungen, gefeiert und verkündet wird: „Geht hin in seinem Frieden“.
Ja, die Grotte von Lourdes ist ein Treff – aber kein Schlusspunkt.
„Kommt“ – wir brauchen den Blick in die dunkle Grotte und die eigenen Dunkelheiten nicht zu scheuen. Nichts (vorschnell) begraben, aber alles in Gott hineinbergen und so bejahen, um das geht es hier.
„Kehrt um“ – als bereits Erlöste sind wir gleichzeitig eingeladen, unseren Blick und unsere Hände zu lösen und selber mit offenen Armen und wachem Blick den Menschen zu begegnen, die Welt zu gestalten.
Gott ist immer beides: felsenfeste Zuflucht und herauslockende Zumutung, ein neues Leben zu wagen.
Pfr. Stefan Staubli