In Lourdes darf sich zeigen, was sonst versteckt wird. Für Tränen und andere menschliche Äusserungen braucht sich niemand zu entschuldigen. Mehr noch, in Lourdes prägen Menschen das Bild, die sonst nur vereinzelt, gleichsam als tragische Einzelschicksale, in Erscheinung treten. Was sich sonst nur Angehörigen, Besuchern oder dem Personal in Pflege- oder Behindertenheimen zeigt, wird hier zur öffentlichen Realität — in nie enden wollenden Rollstuhlreihen bei Prozessionen und grossen Gottesdiensten.
Nie habe ich dies als trauriges oder nur traurig machendes Bild empfunden. Eher als Zuspruch, mich meiner Angewiesenheit zu stellen und vom hohen Ross einer vermeintlichen Unabhängigkeit und Unverletzlichkeit herunterzusteigen. Das Bild vom perfekten Menschen, der sich selber genügt, wird hier überführt und entlarvt. Zwar auf den eigenen Beinen stehend, bin ich nicht weniger auf andere~angewiesen, lebe ich auf dem Boden einer mir geschenkten Liebe Gottes, der mich trägt, oftmals auch erträgt.
So wird der Weg frei zu einer neuen Wahrnehmung: wie frei und froh behinderte Menschen sein können, wie viel Leben sterbenskranke Menschen ausstrahlen... Jenseits von neuzeitlichem Schönheitsideal, Leistungsdenken, Gesundheitswahn ersteht hier ein anderes Menschenbild. Es gibt eine menschliche Würde, die niemandem abgesprochen werden kann, allen unverlierbar zukommt. Doch zurück zu Lourdes als einem Schauplatz von Menschen, denen manche das Lebensrecht absprechen wollen; sei es in persönlichen Entscheiden gegen das Leben oder entsprechenden Gesetzgebungen für das Verhindern resp. Auslöschen von Leben. So gesehen werden die täglichen Prozessionen in Lourdes zu wahren Demonstrationen für ein anderes Menschenbild, das letztlich in jedem Menschenkind ein Geheimnis Gottes, das Antlitz Christi erkennt und liebt. Amen.
Pfr. Stefan Staubli